Main-Post, 29.06.2004
 
Der strenge Duft des Werwolf-Kopfes

Ein Blick hinter die Kulissen

Die Perspektive ist ungewohnt. Der Blick fällt durch ein Gitter zehn Meter tief auf Sitzreihen, Orchestergraben und Bühne des Mainfranken Theaters. Dutzende von Scheinwerfern, groß wie ein familientauglicher Fernseher, starren durch das Gitter nach unten. An der Wand im Rücken des Besuchers sind hunderte farbiger Scheiben in hölzerne Fächer sortiert.
Hier oben, auf der Beleuchtergalerie des Großen Hauses werden Sonnenuntergänge gezaubert und Mondschein für die Liebenden, werden Blitze geschleudert; Licht aus diesen Scheinwerfern macht aus unspektakulären Kostümen Glitzerkleider. Und sollte da unten einmal der Teufel los sein, dann wird von hier aus für die passende höllische Stimmung gesorgt.
Ein "Spaziergang hinter die Kulissen" des Würzburger Theaters ist eine faszinierende Reise in die Eingeweide des Hauses, das von unterirdischen Gängen und luftigen Galerien durchzogen ist. Es ist aber auch eine Reise zu den Menschen, die die allabendliche Illusion auf der Bühne erst möglich machen: zu Maskenbildnern und Kostümschneidern, zu Schreinern und Bühnenmalern. Das Theater bietet diese Besichtigungstouren immer wieder an.
Heute führt Cornelia Boese, Nicht-nur-Souffleuse, eine neunte Klasse der Lohrer Realschule durch die Welt der Technik. Sie tut das diesmal im amüsanten Plauderton der kundigen Führerin, immer wieder macht sie's aber auch gereimt. Schließlich ist die junge Frau auch durch ihre launigen Gedichtbände bekannt.
Bevor sie die Jungs und Mädels samt Lehrer über die Wendeltreppe zur Beleuchtergalerie führt, gibt's einen Schnelldurchlauf durch 200 Jahre Theatergeschichte. Da erfährt auch ein erfahrener Theatergänger Neues. Oder hätten Sie gewußt, daß anno 1923 die Stadt vor der Wahl stand, die Straßenbahn wieder in Betrieb zu nehmen oder das Theater - und sich die Stadtführung für das Theater entschied?
Jedem seinen Schnurrbart
Weil das so war, können die Schüler jetzt in der Maske über die Tatsache staunen, daß hier für jeden Choristen ein Schnurrbart hängt (so er einen braucht); daß hier Perücken geknüpft werden, was eine derartige Arbeit macht, daß die Haarteile 30 Jahre auf Generationen von Schauspielerhäuptern sitzen; daß diese Perücken aus Haaren von Asiaten geknüpft werden, weil die kräftiger sind als die von Europäern; daß hier auch Masken aus Gummimilch gegossen werden, wie der Werwolf-Kopf, den sich ein Schüler überstülpen darf ("riecht streng", meint der).
In der Schneiderei tut man sich auf eine entsprechende Frage hin schwer zu sagen, wieviel Meter Stoff man für die Kostüme des "Idomeneo" zerschnitten, vernäht, verziert habe. Zwei nette Damen steigern sich hoch auf 250 Meter, was womöglich immer noch zu wenig ist. Schließlich mußten für die Mozart-Oper 35 Leute bekleidet, manche sogar mit mehreren Anzügen ausstaffiert werden. Und das alles in gerade mal sechs Wochen.
Dann gibt's noch die beeindruckende schwere Mechanik der Drehbühne von unten zu sehen, verziert mit der Boese-Anekdote von dem Papageno-Darsteller, der zur falschen Zeit auf dem Hub-Podium stand - und prompt während der Aufführung nach unten gefahren wurde - "plötzlich war der Papageno weg".
Bei allen Anekdoten, bei aller Lockerheit der Führerin, eins wird in den eineinhalb Stunden deutlich: Wer sich bei einer Vorstellung im Gestühl des Mainfranken Theaters zurücklehnt und mit denen auf der Bühne lacht und weint, der kriegt nur einen Bruchteil von dem mit, was an Arbeit hinter jeder Aktion, ja: hinter jedem einzelnen Haar steckt.

(Ralph Heringlehner)

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