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1. Kapitel
Die ersten Sommerferien an der Musikhochschule – Ferien ohne Alpträume
vom zähnefletschenden Klavier, funkensprühenden Taktstock oder
siebenlinigen Notensystem – begann ich mit einem Alkoholschock.
Schuld war das Symphoniekonzert zum krönenden Semesterabschluß. Meine
Freundin Josefine und ich beschlossen, die katastrophale Generalprobe
mit einer Flasche Beerenwein zu feiern, nur konnten wir uns nicht für
eine Sorte entscheiden, deshalb kauften wir Himbeer-, Brombeer- und
Blaubeerwein. Seltsamerweise wollte uns niemand vom Orchester
Gesellschaft leisten, und so spazierten wir eben alleine mit unseren
drei Flaschen zur Alten Mainbrücke und setzten uns zum Heiligen Kilian.
Das war ein herrliches Plätzchen...! Nach Mitternacht kühlte es ein wenig
ab, die Gluthitze des Tages und alle instrumentalen Pannen gerieten in
Vergessenheit, und als ich gegen vier Uhr früh nach Hause tappte, ahnte
ich noch nichts von dem ausgewachsenen Kater, den ich mir eingeflößt
hatte...
Gegen Mittag kam ich wieder zu mir. In meinem Dachstübchen kochte die
Luft. Mir war elend wie nie zuvor.
„Konzert...“ erinnerte ich mich und wankte in die Hochschule. Josefine
ging es auch nicth viel besser als mir, aber irgendwie gelang es uns,
unsere Zustände für die Dauer des Konzerts zu kaschieren – und dann war
das Studienjahr vorbei! Wir waren frei, acht lange Wochen zu leben, wie
es uns gefiel, ohne Stundenplan, Übezwang und Probenfrust.
Und ich? Saß zu Hause in meiner Sauna, versuchte meinen gequälten Magen
von Mineralwasser auf Hühnersuppe umzustellen und bereute zwei Tage
lang, bis ich nur noch den einen Wunsch hatte: Fort, und zwar am besten
gleich zum Nordpol!
So packte ich meinen blauen Rucksack, besorgte mir ein Scanrail-Ticket,
drei Fläschchen Magenbitter und Mückenmittel, schnappte mir den
Geigenkasten und stieg in den Nachtzug nach Kopenhagen. Geld nahm ich so
gut wie keines mit, ich hatte ja die Geige...
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