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Ein Wochenende,
das mich glücklich entläßt, Rieser Nachrichten, 30.8.2005
Frust für Flüstertüten, Bote vom Untermain,
1.10.2002
Main-Post, 23.1.2009
Pleiten, Pech und Pannen am Theater
Dichterin Cornelia Boese mit der scharfen Zunge
in Karlstadt zu Gast
(tr) Im Gemeinderaum der
evangelischen Kirche St. Johannis in Karlstadt war Cornelia Boese,
Dichterin und Souffleuse am Mainfranken Theater Würzburg, in Karlstadt
zu Gast. Der offene Frauentreff Karlstadt unter Ingrid Heuler und Almut
Hahne organisiert jeden Monat konfessionsübergreifend kulturelle und
informative Veranstaltungen. Höhepunkt dieses Jahr waren die
unterhaltsamen Einblicke ins Theaterleben von Cornelia Boese. Mit
schneller und scharfer Zunge trug sie als Lesung aus ihren Büchern sowie
auswendig vor.
Ist doch für die meisten „Otto-Normalbürger" die Welt des Theaters mit
einem gewissen Zauber und Geheimnis umgeben, oft etwas verklärt.
Cornelia Boese räumt mit diesen Vorurteilen auf: Vergnüglich berichtet
sie von den kleinen Pannen im Opern- und Schauspielhaus, vom Orchester,
das sich an den Ringelstrümpfen des halbhoch über den Musikern in ihrer
„schwarzen Kiste" hockenden „Unterweltphantoms mit Hochschuldiplom" (sie
selbst, die Souffleuse) ergötzt. Vom Dirigenten Daniel Kleiner, der sich
bei einer hochrangig besuchten Premiere einer Wagneroper mit dem
Taktstock am Kopf verletzt und dann „einhändig dirigierte, mit der
anderen Hand das Blut verschmierte". Anschließend waren sich alle einig:
Er sei „ein Überlebenskünstler"! Aufgelockert werden die Textpassagen
durch klassische Stücke, abgespielt am Polyphon, einem rund 100 Jahre
alten Vorläufer des Plattenspielers zum Aufziehen.
Boese räumt auf mit dem idealisierenden Bild von den gut verdienenden
Künstlern, beschreibt „Hungerlohn" (unter 1000 Euro) und Tagesablauf –
Souffleuse, Sänger, Orchester, „alle haben einen Acht-Stunden-Tag, von
zehn bis zwei am Mittag, dann wieder von sechs bis zehn am Abend." Es
ist ein einsamer Beruf, denn wer hat schon am Nachmittag um zwei Zeit?
Und sie arbeiten jeden Tag, am Wochenende, an Feiertagen. „Wir sind
schon ein bisschen sozial isoliert."
Sie berichtet von der „Residenz-pflicht", kein Mitarbeiter im Team darf
die Stadt verlassen, weil ja bei Verhinderung des einen ein anderer
kurzfristig einspringen können muss. Immer wieder untermalt sie ihre
Erzählungen mit Reimen aus einem ihrer Bücher, die sie bisher in
lyrischer Form herausgegeben hat. So beschreibt sie, wie ein
hochrangiger und bestens bekannter Schauspieler bei „Wer hat Angst vor
Virginia Woolf?" sich nicht nur um ein paar Zeilen mit seinem Einsatz
vertan hat, sondern sogar einen ganzen Akt übersprang. Alle
Mitschauspieler mussten notgedrungen folgen.
Die Besucher hätten sich gewundert „über die stark gekürzte Fassung",
die Souffleuse Boese hätte gerudert, aber auch nichts mehr retten
können; und künftig hatte vor allem sie „Angst vor Virginia Woolf".
Fünf Bücher hat sie seit 2001 verfasst, damals, als das
Mainfranken-Theater geschlossen werden sollte. Der Erlös floss zum
großen Teil mit ein in den Rettungsfonds und das war der Beginn ihrer
Lyriker-Karriere. Dann folgte nahezu jedes Jahr ein weiteres Buch.
Rieser Nachrichten, 30.8.2005
Ein Wochenende, das mit glücklich entläßt
... Ich freue mich auf den Abend. Er ist
für mich nicht klar definiert. Es scheint eine Art Dichterlesung mit
Musikbegleitung zu werden. Zwei junge Damen, Bärbel Hennerfeind, man
kennt sie in Reimlingen, begleitet eine Souffleuse aus dem Theater in
Würzburg. Bärbel Hennerfeind hat eine Hochschulausbildung für Musik mit
ihrem Soloinstrument, der Gitarre absolviert. Die Souffleuse mit Namen
Boese trägt eigene Gedichte vor, die sich überwiegend mit dem Theater
und ihrer Aufgabe in ihrem dunklen Soufflierkasten befassen. Sehr
schnell springt der Mutterwitz der Dame auf das Publikum über. Wie kann
ein Mensch, der Schauspieler über ihre Textprobleme hilft, solche
Sprache hervorbringen?
Es wird erst klar, wenn man erfährt, welche Ausbildung die Dichterin
genossen hat: Studium der Musik mit Hauptfach Klavier, vier Sprachen für
das Opernfach. Ihre schauspielerischen Fähigkeiten werden durch die
perfekte Lautmalerei, die Bärbel Hennerfeind auf ihrem Instrument
intoniert, noch unterstrichen und zur Vollendung gebracht.
Hier ist ein Mensch dabei, den Sprung aus dem Kasten auf die Bretter zu
schaffen...

Bote vom Untermain, 1.10.2002
Frust für Flüstertüten:
"Du bist Souffleuse, nicht Soubrette"
Cornelia Boese und Barbara Hennerfeind mit Poesie aus dem
Souffleurkasten
in der Miltenberger Bücherei
Das mit den Überschriften ist immer so eine Sache. Weil einem meistens
nichts einfällt, nichts, was den Leser automatisch in den Text
katapultiert und ihn bis zum Ende gefangen hält. Deshalb schiebt man
dieses Unterfangen solange vor sich her, bis nach einem letzten Klick
auf die Speichertaste das Kind immer noch auf seinen Namen wartet. Wie
beglückend dagegen für Pressemenschen, wenn irgend etwas
Aufsehenserregendes passiert. Aber dererlei Glücksfälle erlebt man
selten, schon gar nicht, wenn man darauf wartet. Es sei denn, es lesen
gerade Souffleusen. Genau genommen eine. Und wenn die auch noch Cornelia
Boese heißt und die gereimten Memoiren ihres 32-jährigen Lebens zum
Besten gibt, wähnt sich der Pressemensch im Schlaraffenland, weil ihm
die Überschriften wie gebratene Tauben ins Notizbuch fliegen.
Sie wäre eine anständige Frau, macht sie dem gespannt lauschenden
Publikum klar, als sie am Sonntag die Räume der Stadtbücherei mit
Brotmesser, Plüsch-Elch und Geigenkasten betritt. Eine Begleiterin hat
sie mitgebracht, die mit ihrer Gitarre den musikalischen Background zum
dramatischen Geschehen in den Versen zaubert. Ob sie noch Jungfrau ist,
so die Frage eines unverschämten Reporters, erfahren wir zwar nicht,
aber immerhin rettete ihr so ein Interviewer mal das Leben. Weil er im
Foyer schnell noch ein Foto von ihr machen wollte, durfte sie für zehn
Minuten die Probe verlassen.
Ihr Glück, denn wenn sie im Kasten geblieben wäre, hätte Escamillos gut
plazierter Messerwurf sie garantiert in die ewigen Jagdgründe für
Opernangestellte befördert. Dass die Medien sich um sie reißen - wen
wundert's? Denn dem Klischee vom verbuckelten Relikt aus besseren
Theatertagen entspricht sie ganz und gar nicht. Eher wirkt sie wie eine
in die Höhe geschossene Pippi Langstrumpf. Ohne abstehende Zöpfe
freilich, dafür aber mit rot-gelb-violett-braun-geringelten Strümpfen,
einem quietschroten Paddelboot, mit dem sie auf dem Main herumschippert,
und dem entwaffnenden Komm-wir-geh'n-auf-Pferdeklau-Lächeln einer
Abenteurerin, die sich vor nichts fürchtet.
Außer vor Virginia Woolf. In Vertretung für die im Fieberwahn
dahinsiechende Schauspielsouffleuse ließ sie sich vom Hauptdarsteller
des Albee-Ehekrieg-Dramas erweichen: "Du setzt dich in die Reihe eins,
liest quasi als Maskottchen mit, hältst deinen Mund und wir sind quitt!"
Gesagt, getan, doch als der Protagonist plötzlich einen ganzen Akt
überspringt, ist es aus mit ihrer Contenance. Verzweifelt versucht sie
zu retten, was zu retten ist: "Mein Stimmchen klang krächzig, als ich
mich ins Geschehen mischte - der Blick, den ich von ihm erwischte, ließ
mich verstummen." Auch wenn die Logik des Stücks erheblich litt: "Das
Publikum konnte schon um zehn, statt um halb elf nach Hause geh'n".
Trotz Pannen und Pleiten ist die Soufflage ihr Traumberuf. Dass das
Salair schmal ist - was macht's, wenn man jung ist, aber wenn sich dazu
noch eine ausgeprägter Hang zum Globetrotten gesellt, hat man ein
finanzielles Problem. "Mit einer Geige im Gepäck, kommt eine Spielfrau
stets vom Fleck!", denkt unsere Souffleuse und schläft sich per
Liegewagen nach Kopenhagen. Als sie der Hunger plagt, ist Geigen
angesagt. Das Kuriose: Von Haus aus ist sie Cellistin, aber da ein Cello
ein so unhandlicher Reisekamerad ist, hält sie die Geige zwischen den
Knien und fiedelt sich so durch Skandinaviens Volksmusik. In Stockholm
avanciert sie zum heiß begehrten Motiv für Videokamera-bewaffnete
Japaner. Und dann ist der ersehnte Moment gekommen. Sie schultert das
imposante Plüschtier mit Geweih, hebt die Geige aus dem Kasten und
entlockt ihrer "Goldgelackten" das ewige Lied von Sehnsucht, Wehmut und
Melancholie. Viele Hundert Kronen wird ihr die Weise einbringen - und
schwindet nicht für einen Moment die Unterhaltungslust aus den Mienen
der Lauschenden, weil die Melodie an etwas Verlorenes, Verschüttetes
rührt?
Barbara Hennerfeind ist mehr als nur Begleiterin. Wenn wir uns auf
Gastspielreise in Reykjaviks "Tiefkühltruhenluft" befinden, entlockt sie
den Saiten arktische Schneeflockentänze, beim Einzug des Toreros klirrt
es bedrohlich, und bei der Irrfahrt durch Potsdam tremoliert sie eine
perfekte Krimiatmosphäre herbei. Nicht enden wollender Beifall für die
vom Landratsamt unterstützte Lesung - nur unterbrochen von der
obligatorischen Übergabe des Miltenberger Rebensaftes. Ob man als
Würzburger wohl seine Freude daran haben kann?
(Antonia Calasse)
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