Aus dem Graben,     orpheus 7/2003
Dichterin aus dem Souterain,   ELLE, April 2002
Poesie aus dem Souffleurkasten,   fermate 21/12
Köstliche Anekdoten,   Main-Echo,10.12.2001
Gedichte aus der Unterwelt,   SZ, 1.12.2001
Eine Souffleuse namens Boese,   Main-Post, 26.11.2001
Leben in der Unterwelt des Theaters,   Main-Echo, 16.6.2001


orpheus 7/2003

Aus dem Graben...

Ihr Weg in die "Unterwelt" sieht gefährlich aus. "Da geht's einige Meter runter", warnt Cornelia Boese, schlängelt sich an unterirdischer Bühnentechnik vorbei und erreicht wohlbehalten eine hölzerne Hängeleiter im Orchestergraben. Sie klettert direkt in die "Unterwelt" - in den winzigen Souffleurkasten des Mainfranken-Theaters. Unter dem Arm trägt Cornelia Boese ihre Noten zum Dirigieren der Opernsänger und ein kleines geblümtes Buch: ihre Gedichte. Denn die "Unterwelt" ist der Stoff, aus dem die Reime sind., die Deutschlands wohl einzige dichtende Souffleuse schreibt. Jetzt hat sie ihren ersten Gedichtband herausgebracht. "Ich bin der unsichtbare Herrscher einer magischen Welt" lautet der Titel. Dieses Zitat von Richard Strauss umschreibt Teil eins Boeseschen Selbstverständnisses. Cornelia Boese (32) versteht sich als unheilbar suchtkrank nach der Oper, nach jener versteckten Perspektive zwischen Orchestergraben und Bühne, die für das Gelingen einer Aufführung entscheidend sein kann. Deshalb hat sie als Examensarbeit ihres Studiums an der Würzburger Musikhochschule schon 1997 ein Buch über den 2000 Jahre alten Beruf der Souffleuse geschrieben: "Die gute Fee im Kasten" - wissenschaftlich fundiert, dazu noch gut lesbar. "Damals merkte ich schon, wie viel Spaß das Schreiben macht", sagt die Dichterin im Kasten. Zur Ausdrucksform der Dichtung fand sie, als sie 1998 Gelegenheit bekam, aus der Unsichtbarkeit ins Rampenlicht zu treten. Als der Würzburger Kapellmeister Johan van Slageren die vergessene Oper "Kublai Khan" von Antonio Salieri in einem wissenschaftlichen Werk entdeckte und auf die Idee kam, sie in Würzburg auf die Bühne zu bringen, fehlte ihm jemand, der Salieris krakelige italienische Handschrift ins Deutsche übersetzte. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit: Denn es handelte sich um nicht weniger als 600 Seiten Original-Partitur, deren Witze in deutsche Reime übertragen werden mußten, die obendrein noch singbar zu sein hatten, und kaum mehr als ein halbes Jahr bis zum geplanten Premierentermin. In der Not fiel van Slageren die Souffleuse namens Boese ein, deren Sprachtalent, Fleiß und Witz am Theater bekannt waren. Cornelia Boese nahm den Auftrag an. Sie wurde rechtzeitig fertig: "Es war schön, aber auch höllisch. Ich habe 24 Stunden am Tag nur noch in Reimen gedacht!" Dank Salieri entdeckte sie ihr dichterisches Talent. Die "Kublai"-Oper wurde ein internationaler Erfolg für das Würzburger Theater. Und Cornelia Boese fing Feuer fürs Dichten. Zeit dazu findet sie immer dann, wenn auf der Bühne gerade niemand singt.
In Würzburg spielt die Opernsouffleuse eine wichtige Rolle, denn die 32jährige hat Dirigieren studiert und überträgt aus dem Kasten die Einsätze des Dirigenten, den sie auf einem winzigen Video-Schirm sieht, zu den Sängern. Die haben sich mehr als an anderen Häusern an diesen "Service" gewöhnt. Cornelia Boese ist so etwas wie der verlängerte Arm, die Versicherung des Dirigenten. Cornelia Boese hat für ihr Buch von der "Guten Fee" Kontakte mit rund 100 Kollegen von Reykjavik bis Venedig geknüpft, nach einem Praktikum an der Wiener Staatsoper hätte sie durchaus dort anfangen können. Weil sie Katharina Wagner in deren bundesweit beachtetem Bühnendebüt mit dem "Fliegenden Holländer" in Würzburg auffiel, bekam Cornelia Boese ein Angebot für die nächsten Bayreuther Festspiele. "Das wird schwierig, wir proben da schon", sagt sie. Die Dichterin zieht es nicht weg aus Würzburg, wo sie aufgewachsen ist - trotz der bundesweit beachteten, zumindest bis zur Kommunalwahl im März 2002 überstandenen Theaterkrise der städtischen Bühne. "In einem kleineren, überschaubaren Haus wie dem unseren habe ich bessere Möglichkeiten, meine Kreativität auszutoben", sagt sie. "Ich fühle, daß ich an dieses Theater gehöre."
Mit dem wegen der Krise abgewanderten Sänger Patrick Simper trat sie hin und wieder in einem Chanson-Programm mit Liedern Georg Kreislers auf, die sie durch eigene Dichtungen ergänzt. So ist der Höhepunkt des Auftritts eine Spezialversion von Mozarts "Kleiner Nachtmusik", der Cornelia Boese immer neue Texte aus ihrem gläsernen Füllfederhalter gibt - kleine Frechheiten über Würzburger Provinzprominente, die zu Zeiten des vorletzten Intendanten Tebbe Harms Kleen stets kurzerhand verboten wurden.
Mittlerweile hat sie das Mainfranken     Theater als Publikumsmagnet für Kinder- und Familienkonzerte entdeckt. Ihre selbst improvisierte Show mit Stofftieren, Musikern in bunten Kostümen, Lichteffekten, Theaternebel und einem selbst arrangierten Text von "Harry Potter" brachte dreimal ein ausverkauftes Haus mit insgesamt weit über 2000 begeisterten Zuschauern. Zusätzliche Gage für Cornelia Boese gabs nicht. Allerdings einen Preis vom Theaterförderverein - normalerweise undenkbar für jemanden, der in der traditionellen Hierarchie soweit unten steht wie eine Souffleuse.
Im Kasten ereignen sich in schöner Regelmäßigkeit verrückte Dinge. Da verbeugte sich Generalmusikdirektor Daniel Klajner einmal eine Spur zu tief vor seinem Publikum - und sauste in die "Unterwelt". Für Cornelia Boese ging das nur deshalb nicht böse aus, weil sie ausnahmsweise schon vor dem Schlußapplaus herausgeklettert war. "Der Mensch ist ein Abgrund" lautet der Titel des Gedichts über den "klajnen Reinfall", entnommen der Berg-Oper "Wozzeck". Ein andermal war Frau Boese in der Carmen-Probe nicht an ihrem Platz, weil sie ein Interview gab: "Feurig und mit viel Gestampf zog Escamillo in den Kampf. Und plötzlich flog mit scharfer Spitze sein Messer durch die schmale Ritze, direkt in mein Kabuff hinein, und wieder einmal hatt ich Schwein, daß ich mich zufallszwangsverbannt nicht am Arbeitsplatz befand. So ging die Sache glücklich aus, und ich verließ lebend das Haus."
Übrigens keine ganz ungewöhnliche Situation: Die "unsichtbare Herrscherin einer magischen Welt" wurde schon mehrfach in Radio und Fernsehen des Bayerischen Rundfunks portraitiert, außerdem aktuell in der zum Stern gehörenden Zeitschrift "Biographie". Dafür reiste Chefredakteur Michael Jürgs eigens nach Würzburg - daß er ein namhafter Autor mit Büchern über Romy Schneider und Richard Tauber ist, wußte Cornelia Boese vorher nicht: "Zum Glück!" Bei einem ihrer letzten Urlaube in Schweden begleitete sie ein Fernsehteam vom ZDF. Cornelia Boese war eine von fünf jungen Künstlern einer ZDF-Dokumentation, die ihre Reisen durch Straßenmusik verdienen. "Da gab es ein Jahr, in dem mir das Theater mein Urlaubsgeld nicht zahlte. Deshalb zog ich mit der Bratsche los, um an Ort und Stelle in Skandinavien zu verdienen." Auch darüber gibt es ein Gedicht. Für ihren ersten Gedichtband hatte Cornelia Boese Angebote von mehreren Verlagen. Letztlich hat sie sich für den neuen Verlag eines Freundes entschieden, der einen Euro pro verkauftes Buch an den Würzburger Theaterförderverein überweist. Die erste Auflage von 2000 Stück ist fast verkauft. In Kürze kommt ihr neuer Gedichtband auf den Markt. Thema: Privates und leicht Verschrobenes aus Mozarts Leben. Und auch das paßt: "Als Jugendliche habe ich mich mit einem Cellokasten über die Künstlertreppe ins Würzburger Mozartfest geschlichen, weil ich kein Geld für eine Karte hatte. Leider hat sich irgendwann ein Ordner gefragt, warum diese Cellistin mit dem Ohr an der geschlossenen Tür zur Bühne klebt. Das wars dann."

(Astrid Freyeisen)

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ELLE, April 2002

Dichterin aus dem Souterrain

Jeden Tag klettert Cornelia Boese in ihre Unterwelt hinab, in der - bislang berechtigten - Hoffnung, dort nicht von abstürzenden Dirigenten erschlagen zu werden. Ihr Arbeitsplatz ist ein unscheinbarer Kasten unter der Bühne des Würzburger Theaters - die 31-Jährige ist Opern-Souffleuse. Ein Job, den normalerweise nur ausgediente Musiker machen. "Aber ich liebe ihn, denn im Musiktheater passieren viele verrückte und witzige Dinge." Und die schreibt sie in den Pausen der langen Probentage auf - in Gedichtform. Ihre gereimten Storys handeln von Messern, die in ihren Kasten schwirren, weil der Torero in "Carmen" falsch gezielt hat. Oder von Schwedenreisen, die sie sich als Straßenmusikerin verdienen muss, weil Souffleusen nicht gerade üppig verdienen.

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Fermate 21/12

Poesie aus dem Souffleusenkasten

Cornelia Boese ist Musiktheater-Souffleuse am Mainfranken Theater Würzburg, aber nach eigenem Bekenntnis weder dumm noch häßlich, wie man es sich von einer Souffleuse gemeinhin vorstellt. Um dem negativen Image ihres weithin unterschätzten Berufes abzuhelfen, veröffentlichte sie 1997 ein wissenschaftliches Werk über Die gute Fee im Kasten – gut lesbar, ja sogar unterhaltsam geschieben.
Nun erscheint ihr erster Gedichtband zum Thema, der Titel Ich bin der unsichtbare Herrscher einer magischen Welt ist ein Zitat aus der Oper Cappriccio von Clemens Krauss und Richard Strauss. Oder wie es der eigene Untertitel sagt: „Eine boese Liebeserklärung an die Unterwelt des Theaters.“
Die dichterische Ader von Cornelia Boese wurde vor einigen Jahren entdeckt, als sie für das Würzburger Mozartfest die Oper Kublai Khan von Antonio Salieri witzig ins Deutsche übersetzte. Jetzt im Gedichtband erfahren wir in herrlich holprigen Reimen und durch einen immer wieder verblüffend kreativen, ja spielerischen Umgang mit der Sprache einiges, was sich so (oder so ähnlich) im (Arbeits)-Alltag der Würzburger Souffleuse abgespielt hat. Mit viel Humor, sehr selbstironisch auf den poetischen Punkt gebracht. Jedes Gedicht wird durch einen eigenen Scherenschnitt der Dichterin plus passendem Opernzitat eingeleitet.
Jeder, der einen Draht zum Musiktheater hat, kann dabei zumindest schmunzeln, oft auch herzlich lachen. „Poesie“ heißt hier nicht, die Welt weich zu spülen, sondern durch einen kräftigen Schuß scheinbarer Naivität durchsichtig und letztlich schwerelos zu machen.
Zweimal entkam Cornelia Boese nur knapp „Anschlägen“ auf ihr „Unterweltverlies“, weil sie gerade nicht drin war: „Denn unser neuer Dirigent verbeugte sich zu vehement, worauf die Zuschauer erblaßten: Er fiel in den Souffleusenkasten.“ Und während einer Carmen-Probe, als sie gerade einem Journalisten ein Interview gab, flog Escamillos Messer „direkt in mein Kabuff herein, und wieder einmal hatt' ich Schwein, daß ich mich zufallszwangsverbannt nicht an mei'm Arbeitsplatz befand. So ging die Sache glücklich aus, und ich verließ lebend das Haus, und was den Pressemensch betrifft: Der hatte eine Überschrift!“
Mein Lieblingsgedicht in diesem ansprechend gestalteten roten Bändchen ist aber „Knusper, knusper, knäuschen“: Beim Backwettbewerb im Ensemble gewann gemäß der Theaterhierarchie nicht das aufwändige Schachspiel der Autorin, sondern eine matschige Apfeltorte: „Die hatte der Sopran verbrochen, sie konnt' zwar singen, doch nicht kochen...“ Moral: „Back niemals Torten um die Wette, bist du Souffleuse, nicht Soubrette!“
Als Cornelia Boese in ihrer ersten Spielzeitpause noch kein Geld verdiente, zog sie kurzerhand geigend durch Schweden, machte Straßenmusik bis zum Polarkreis und daraus die Reiseerzählung „Polska für den Elch“, die vom ZDF verfilmt wurde und jetzt im März zur Leipziger Buchmesse erschien.
Kaufen, lesen, lachen.

((Ingo Hoddick)

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Main-Echo, 10.12.2001

Köstliche Anekdoten

Munter und vergnügt wie sie selbst in den bunten Ringelstrümpfen und mit einem Elch als Unterstützung auf dem Sofa unterhielt Cornelia Boese eine ebenso amüsierte Zuhörerschaft mit einer Lesung aus ihrem bibliophil aufgemachten Lyrikband „Ich bin der unsichtbare Herrscher einer magischen Welt“. Das begeisterte Publikum in den völlig ausverkauften Kammerspielen des Mainfranken Theaters Würzburg lauschte schmunzelnd den köstlichen Anekdoten aus dem (wahren) Leben der Opernsouffleuse. Die kleinen Unfälle und Fast-Katastrophen in Reimform gefielen nicht zuletzt durch den sprachlichen Einfallsreichtum und hier vor allem durch die überraschenden Wortkombinationen. Und der Vortrag, in dem die Sprache zum Klingen kam, ließ die kleinen Szenen und Minidramen, die hier geschildert wurden, geradezu plastisch erstehen. Ein weiteres Plus: Die Lesung wurde vom Trio „Spieltrieb“ (Uwe Ellies, Klarinette; Nadja Konrad, Klarinette; Andrea Wurmbäck, Fagott) und am Klavier von Denette Whitter musikalisch umrahmt; Stücke aus der Fledermaus, dem Zigeunerbaron, der Zauberflöte, Carmen, oder auch das Värmlandslied und der kleine grüne Kaktus gaben zu den Gedichten den witzigen Kommentar; selbst eine „Eismusik“ (mit dem Schlüssel im Klavier) zu den isländischen Abenteuern der Cornelia Boese durfte da nicht fehlen. Für 14 Mark ist das Bändchen im Theater zu haben.

(Renate Freyeisen)

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Süddeutsche Zeitung, 1./2.12. 2001
 
Gedichte aus der Unterwelt

Die Souffleuse Cornelia Boese hat ihre Arbeit am Würzburger Mainfranken-Theater in Reime gefasst
M ü n c h e n   -   Wenn ein Mädchen auffallend hübsch ist, dazu schlank und groß, rät man ihm bisweilen Fotomodell zu werden oder Schauspielerin. Zeigen soll sie sich und ihre Schönheit zu Geld machen. Als Cover-Girl hätte Cornelia Boese die Auflage mancher Frauenzeitschrift steigern können. Stattdessen hat sie an der Musikhochschule Klavier und Dirigieren studiert, sich mit Kinderhüten über die Runden gebracht - und mit einem Aushilfsjob am Theater. Nicht als Schauspielerin allerdings, sonst müsste sie womöglich heute in ihrer Heimatstadt Würzburg beim Bäcker Autogramme geben und könnte nicht mehr mit Boot und Tigerente unbehelligt den Main entlang paddeln. Würde auch nicht mehr in fünf Minuten von zu Hause ins Theater radeln - ins Mainfranken-Theater.
Seit vielen Jahren geht sie als festangestellte Souffleuse durch den Hintereingang wie ihre Kollegen, die Sänger, die Tänzer, die Beleuchter. Statt durch die Welt zu jetten, klebt Cornelia Boese in Würzburg fest. Dort hat sie während der Spielzeit strikte Anwesenheitspflicht, verschwindet nicht selten sechs Tage pro Woche in einem kleinen Kasten zwischen Orchestergraben und Bühne. Stundenlang baumeln ihre Beine ins Leere. Damit die Geiger und Flöter etwas zu schauen haben, zieht sie bisweilen knallbunte Ringelstrümpfe drüber. Kleine Freuden eines Frauenschicksals. Cornelia Boese ist die Souffleuse für Oper, Operette, Musical an dem Drei-Sparten-Haus.
Weil angeblich Männerstimmen lauter zu hören seien, treibt es vor allem Frauen in diesen Beruf. Cornelia Boese weiß einen anderen Grund für dieses Phänomen: "Männer haben größere Probleme mit ihrem Ego." Denn der Berufsalltag einer Souffleuse spielt sich unsichtbar fürs Publikum, aber unersetzlich für die Akteure auf der Bühne ab. Anders als im Sprechtheater muss eine Opern-Souffleuse etliche Voraussetzungen mitbringen. Cornelia Boese hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium, spricht fließend sechs Sprachen und bezaubert in den Ferien schon mal die Gäste als Geigerin in einem Speisewagen.
Allein das Manuskript mitlesen, würde sie nicht nur unterfordern, den Sängern wäre wenig geholfen. Sie muss der Musik immer einen Schlag voraus sein, das heißt auf zwei Ebenen denken: mit der Musik und einen Schritt weiter. Mit einem Auge hat sie immer das Geschehen auf der Bühne zu verfolgen, mit dem anderen die Noten mitzulesen. Und wenn sie ein drittes Auge hätte, wäre das auf den kleinen Monitor in ihrem Kasten gerichtet. Cornelia Boese ist außergewöhnlich, aber nicht dreiäugig. Deshalb schweift ihr Blick während der Aufführung ständig hin und her. "Man lernt während der Proben alle Schwächen der Sänger kennen und kann bei den Aufführungen entsprechend reagieren", sagt sie. Die schlimmste Kombination sei bei angegrauten Herren aufkommender Gedächtnisschwund und Taubheit. Nur wenn das Orchester forte spielt, brüllt sie los.
"Alle dürfen ihre Gefühle oben ausleben", sagt die 31-Jährige. "Souffleusen müssen die Klappe halten und alles unten aushalten." Ein Sklavenleben, das auch noch schlecht bezahlt wird. 2500 Mark brutto stand auf Cornelia Boeses erstem Gehaltszettel. Nach sieben Jahren ist es ein bisschen mehr, lange nicht genug für glitzernden Schmuck oder teure Abendessen. Um ihren Hals baumelt ein Lederband mit einem hölzernen Elch. Ein Maskottchen, ein Geschenk ihres Vaters. Marmorkuchen selber backen, das mache sie glücklich, sagt sie. Und wenn sie wie neulich vom WDR nach Köln eingeladen wird oder von SZ nach München, dann bringe ihr der Beruf schließlich was.
"Ich fühle mich nicht als Sklavin", sagt sie. "Ich weiß, dass alle von mir abhängig sind." Das gibt ihr Kraft für viele Überstunden. Das lässt sie auch an Abenden in den Soufflierkasten steigen, denen zähe Proben vorausgegangen sind. Sie ruht in sich selbst, kann sich aber auch bei Gelegenheit widersetzen. Oder losschreien. Als bei einer Probe zur "Zauberflöte" ihre Leidensgrenze überschritten war, presste sie aus ihren Lungen einen derart gellenden Schrei, dass eine Glühbirne zu Bruch ging. Sie wurde nicht zur "Königin der Nacht" gekürt, sondern von der Sopranistin mit bösen Blicken abgestraft. Konkurrenz von der Souffleuse ist nicht beliebt.
Sängerin möchte Cornelia Boese aber gar nicht sein. Sie liebt ihren Beruf, das kreative Durcheinander, die Theaterwelt mit ihren Regeln (Unpünktlichkeit ist absolut verpönt), innerhalb deren "man ganz frei ist". Auch Schriftstellerin allein wäre ihr zu langweilig. Lieber dichtet sie während der Proben, schreibt kleine Zettel oder die Partituren voll mit Anekdoten aus ihrem Leben - in Reimform und in Sütterlin, damit es niemand so schnell lesen kann. Vor kurzem ist ihr erster Gedichtband "Ich bin der unsichtbare Herrscher einer magischen Welt" (Peter Hellmund Verlag) erschienen - mit genau "1000 Zeilen aus der Unterwelt". Am Sonntag, 17 Uhr, liest Cornelia Boese mit musikalischer Begleitung im Mainfranken-Theater daraus.

(Sabine Buchwald)

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Main-Post,  26.11.2001
 
Eine Souffleuse namens Boese

Die Würzburgerin Cornelia Boese dichtet vom Theaterleben

Sie sitzt unter der Bühne, kann gut beobachten und was sie sieht, in pointierte Reime fassen. Ihre Gedichte hat die Souffleuse des Mainfranken Theaters jetzt in einem Gedichtband veröffentlicht.
Die Dichterin trägt Pippi-Langstrümpfe. Die geringelten Beine passen zum Jeanskleid und besonders zu Cornelia Boese: Sie lacht viel und herzlich, sieht jung, frech und hübsch aus, und ihr Häuschen bei der Burkarder Kirche könnte genauso gut in Schweden stehen. So gemütlich sind die kleinen Zimmer und so idyllisch ist der Blick auf den Fluß. Außerdem ist die 31-Jährige selbstbewußt und scheint das Leben zu genießen.
Sie sitzt gerne im Souffleurkasten des Mainfranken Theaters, lebt gerne in Würzburg, paddelt gerne mit ihrem Kanu auf dem Main und schreibt gerne Gedichte. Letztere am liebsten nachts, wenn sie von Vorstellung kommt, mit bunter Tinte in Schreibhefte. An ihrem Tisch im kleinen Dachzimmer blickt sie über die Stadt und hört das Wasser am Wehr rauschen. "Wenn es hell wird, begrüße ich den Graureiher von Gegenüber." Romantisch ist sie auch.
"Die Geschichten, die im Theater passieren, sind einfach zu schön, um sie zu vergessen," begründet die Musiktheater-Souffleuse ihre Schreiblust. Eifersucht, Liebe, Streit, gerissene Saiten, fliegende Messer und fallende Dirigenten: Daraus werden die Gedichte, die das Leben schreibt. In ihrem Kasten kritzelt sie die ersten Verse auf Schmierpapier, wenn gerade niemand singt. "Manchmal brauche ich die ganzen vier Stunden einer Probe für zwei Zeilen."
Sprachbegabt war Cornelia Boese schon als Kind. Wie sehr ihr gerade das Dichten Spaß macht, hat die studierte Musikerin bei der Übersetzung einer Oper von Salieri aus dem Italienischen gemerkt, die 1998 mit großem Erfolg während des Mozartfestes uraufgeführt wurde.
Zum Arbeiten verkroch sie sich damals in ein Häuschen an einem verschneiten schwedischen See und dichtete eine Woche durch. Sie strahlt, wenn sie daran denkt. Genauso schöne Erinnerungen verbindet sie mit einer sechswöchigen Reise durch Schweden - als Straßenmusikantin. Weil ihre Arbeit am Theater solche Ausbrüche aus dem Alltag erlaubt, nimmt sie ungeregelte Freizeit und schlechte Bezahlung gerne in Kauf. Das Dichten ist ihr täglicher Ausbruch.
"Am allerschönsten ist für mich, zu wissen wofür ich gerade da bin", beschreibt die junge Dichterin das Gefühl, nach langem Ringen eine Anekdote so in pointierte Paar-Reime gebracht zu haben, dass jedes Wort sitzt. "Manchmal bastle ich sehr lange herum, aber wenn das Gedicht dann aufgeschrieben ist, bin ich zufrieden, und dann verändere ich auch nichts mehr." Lange kann sie das Gefühl anscheinend nicht genießen: Einen Reise-Roman und drei fantasievolle Märchen hat Cornelia Boese im letzten Jahr auch geschrieben. Sie spielt Klavier, Cello und bringt mit einem Kollegen Kreisler-Abende auf die Bühne. Dazwischen malt der kreative Tausendsassa Bilderrahmen bunt an, und auf dem Fensterbrett stehen die selbstgeschnippselten Collagen aus Notenpapier und schwarzem Karton, die ihren Gedichtband illustrieren.
Das kürzlich erschienene Buch "Ich bin der unsichtbare Herrscher einer magischen Welt" ist die Idee eines Freundes. Der Grafiker Peter Hellmund ermunterte Cornelia Boese, ihre Gedichte zu sammeln, und ist mit der Veröffentlichung Verleger geworden. Roman und Märchen, das auch vom Theater handelt, werden im nächsten Jahr von einem Münchner Verlag veröffentlicht.
Wenn Cornelia Boese selbst liest, greift sie allerdings weder zu Gedichten noch zu Romanen. Sie bevorzugt Kinderbücher. Natürlich auch Pippi Langstrumpf.

(Manuela Göbel)

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Main-Echo Aschaffenburg, 16.6.2001
 
Leben in der Unterwelt des Theaters

Cornelia Boese gibt den Sängern des Mainfranken Theaters ihre Einsätze vor

Ihr Weg in die "Unterwelt" sieht gefährlich aus. "Da geht's einige Meter runter", warnt Cornelia Boese, schlängelt sich an unterirdischer Bühnentechnik vorbei und erreicht wohlbehalten eine Hängeleiter im Orchestergraben. Sie klettert direkt in die "Unterwelt" - in den winzigen Souffleurkasten des Mainfranken-Theaters. Unter dem Arm trägt Cornelia Boese ihre Noten zum Dirigieren der Opernsänger und ein kleines geblümtes Buch: ihre Gedichte. Denn Cornelia Boese dichtet und erscheint damit sogar im ZDF.
Zeit zum Dichten hat die Würzburgerin immer dann, wenn auf der Bühne gerade niemand singt. Denn was die meisten Opernbesucher nicht ahnen: Im Souffleurkasten des Mainfranken-Theaters sitzt nicht - wie sonst meist üblich - ein ausgedienter Sänger, sondern eine studierte Musikwissenschaftlerin. Eine, die dirigieren gelernt hat. Und so sind die Würzburger Sänger gewohnt, ihre Einsätze durch Gesten aus dem Kasten angezeigt zu bekommen. Dort hockt Cornelia Boese und konzentriert sich auf ihre Noten und den Dirigenten auf dem winzigen Videobildschirm vor ihr.
Nicht immer passiert es, wie kürzlich bei der Premiere der Oper "Carmen", dass sie beim Schlussapplaus eine Rose gereicht bekommt und damit aus ihrer "Unterwelt" herauswedelt. "Mein Beruf ist einer der anonymsten überhaupt", sagt die 31-Jährige. "Aber er hat auch gute Seiten, denn er ist eine Marktnische mit Möglichkeiten in der ganzen Welt." Wie viele, das lotete Cornelia Boese bei ihrer Zulassungsarbeit zum Staatsexamen aus, die 1997 unter dem Titel "Die gute Fee im Kasten" als Buch erschien und den verkannten, wahrscheinlich schon bei den alten Griechen vor 2000 Jahren existierenden Beruf ins Rampenlicht rückte.
Cornelia Boese schickte über 100 Fragebogen an Kollegen von Reykjavik bis Venedig, reiste von Theater zu Theater und absolvierte Praktika an der Wiener Staatsoper und in Stockholm. Dort fühlt sie sich nicht nur wegen ihrer exzellenten Schwedisch-Kenntnisse zu Hause, sondern auch, weil ihre Großeltern in Schweden leben.
Gelandet ist sie letztlich aber doch wieder in Würzburg, wo ihre Sprachbegabung zuerst 1998 von Kapellmeister Johan van Slageren entdeckt wurde. Der suchte dringend jemanden, der ihm binnen weniger Monate 600 Seiten gekritzelte Handschrift des berühmten Mozart-Konkurrenten Salieri für die Uraufführung der vergessenen Oper "Kublai Khan" ins Deutsche übersetzte.
Dieses Deutsch musste sich reimen, Sinn und Witz haben und obendrein noch zur Musik passen. Wenn beispielsweise der listige Haushofmeister zum dummen Thronfolger singt: "Frauen sind Monster! Niemals den Frauen trauen, so lautet meine These! Schon sind sie zu schauen, innerlich aber böse, haben zwar Lippen aus Zuckerguss, doch Gift enthält ihr Kuß!" Die Salieri-Oper wurde ein internationaler Erfolg fürs Würzburger Theater.
Und die Souffleuse fing Feuer fürs Dichten. Mit dem Sänger Patrick Simper tritt sie in einem Chanson-Programm auf, das auch Mozarts "Kleine Nachtmusik" mit Texten aus dem gläsernen Füllfederhalter von Cornelia Boese enthält: Kleine Frechheiten über Würzburger Provinzprominente, die zu Zeiten des vorletzten Intendanten Tebbe Harms Kleen immer kurzerhand verboten wurden. Nur ein kleines, überschaubares Theater wie das Würzburger ließe ihr genügend Raum für dererlei Kreativität, ist sich Cornelia Boese sicher: "Ansonsten hätte ich Angebote der Wiener Staatsoper annehmen können."
Die meisten ihrer Gedichte beschäftigen sich mit ihrem "Leben in der Unterwelt". Und das ist oft ziemlich spannend, wenn sie beispielsweise an einem achtstündigen Probetag bei "Carmen" für ein Interview kurz den Kasten verlässt: "Denn feurig und mit viel Gestampf zog Escamillo in den Kampf. Und plötzlich flog mit scharfer Spitze, sein Messer durch die schmale Ritze direkt in mein Kabuff hinein, und wieder einmal hatte ich Schwein, dass ich mich zufallszwangsverbannt nicht am Arbeitsplatz befand. So ging die Sache glücklich aus, und ich verließ lebend das Haus, und was den Pressemensch betrifft: Der hatte eine Überschrift."
Mit Gedichten im ZDF
Ein Freund, von Beruf Gestalter, ermutigt Cornelia Boese momentan dazu, einen Gedichtband über ihr "Leben in der Unterwelt" herauszubringen. "Es wäre nicht schlecht, auf diesem Weg berühmt zu werden", schmunzelt die bescheidene Künstlerin. Der erste Schritt ist schon getan. Vor ein paar Jahren zahlte ihr das Theater ihr schmales Urlaubsgeld nicht, so dass sie mit ihrer Bratsche als Straßenmusikerin durch Skandinavien tingelte.
Die damals entstandenen Gedichte schickte sie ans ZDF, als dort Straßenmusiker für einen Film gesucht wurden. Diese Dokumentation "Klingende Münze - Mit Straßenmusikanten unterwegs" ist in der Nacht vom 17. auf den 18. Juni um 0.05 Uhr im zweiten deutschen Fernsehen zu sehen. Vielleicht wird dies die große Chance für Cornelia Boeses Buch "Nordlandsymphonie": "Ein Frauenroman, für den ich noch einen Verlag suche."

(assi)

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