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Muschelziegen,
Mimenmörder, FAZ, 17.6.1998
Bei der Premiere in der ersten Reihe,
Das Orchester 99/1
Frankfurter Allgemeine Zeitung,
17.06.1998
Muschelziegen, Mimenmörder
Cornelia Boese holt die Souffleuse ans Tageslicht
Nomen est omen: Monsieur Taupe ist der Maulwurf unter den Theaterangestellten.
Er lebt unter dem Bühnenboden, sein Aufenthaltsort ist nur an einem
muschelartigen Hügel an der Rampe erkennbar. Mit überartikulierten, fast
lautlosen Würfen seines Mundes hält er Schauspieler und Sänger auf dem
laufenden, als grübe er Silben, Wörter, Sätze, Gesangsphrasen aus dem Erdreich.
In Richard Strauss' Konversationsstück für Musik "Capriccio" hat er nur einen
winzigen Auftritt. Der aber trifft ins Schwarze.
Monsieur Taupe, ein "kurzsichtiger, kleiner, unscheinbarer Mann mit einem großen
Buch unter dem Arm", ist von seiner Theatergruppe im Rokokoschloß bei Paris
vergessen worden; seine Kollegen sind ohne ihn heimgefahren. Er ist
melancholisch und immerzu müde. Zum Ausgleich dafür, daß er unauffällig, ja
unsichtbar zu sein hat, daß er, Sündenbock statt Star der Aufführung, Spott
statt Beifall erhält, wähnt er sich als unterirdischen Herrscher einer magischen
Welt und bedichtet seinen aufreibenden, schlecht bezahlten Beruf: "Erst wenn ich
in meinem Kasten sitze, / beginnt das Weltenrad der Bühne sich zu dreh'n! / Die
tiefen Gedanken uns'rer Dichter, / ich flüst're sie leise vor mich hin / und
alles beginnt zu leben."
Ohne den Souffleur, der - abgesehen vom Herrenclub der Wiener Staatsoper -
meistens weiblich ist, wäre tatsächlich mancher Sänger und mancher Schauspieler
verloren. Die Arbeit der Souffleuse beginnt indessen schon im ersten Augenblick
einer Operneinstudierung. Sie lernt die Partitur mit Noten und Text möglichst
auswendig, merkt sich in den Proben Eingenarten und Probleme jedes Sängers (auch
im Chor), ahnt Fehler und Hänger voraus, fühlt die Tagesform der Sänger, ist
Psychologin und Müllhalde für Seelenschutt. Sie ist ein Ausbund an Energie und
Konzentration und schläft in ihrer unterirdischen Zelle - anders, als die Fama
es ihr vorwirft - nie ein, auch nicht in einer fünfstündigen Wagner-Oper.
Die Souffleuse Cornelia Boese hat mit der wahrhaft enzyklopädischen, dabei
amüsanten Schilderung ihres Berufs Neuland betreten. Da es darüber bisher keine
Literatur gab, beschloß die Musikstudentin, für ihre Examensarbeit über das
Berufsbild der Souffleuse Betroffene in aller Welt anzuschreiben. Das Ergebnis
war überwältigend: Aus der Flut der Antwortbriefe, in denen diese "Maulwürfe"
endlich einmal zum eigenen Wort kommen durften, filterte die Einbläserin in spe
das Weltbild der unterschätzten, übersehenen, geschmähten Murmelmännchen und
-weibchen, Flüstertüten, Muschelziegen und Mimenmörder: Das Repertoire an
Kosenamen ist unerschöpflich.
Der verblüffte Leser erfährt, daß schon Plutarch den "hyboleus" kannte, daß der
mittelalterliche Spielleiter auch einflüsterte; er erlebt die Entwicklung des
Kastens als BEstandteil der Kultur- und Theatergeschichte, beobachtet die
Souffleuse bei ihrer Arbeit in verschiedenen Ländern (mit unterschiedlichen
Schwerpunkten der Tätigkeit), wird in das "Handwerk" einführt, das tatsächlich
fast wie beim Dirigieren die Gliedmaßen fordert. Voraussetzungen für diesen
vielseitigen Beruf ohne geregelte Ausbildung und ohne Freizeit werden erörtert,
die Arbeitsphasen vom Heimstudium vor der ersten Probe bis zur Premiere werden
geschildert.
Welche Soufflierarten gibt es? Sind Nebenjobs möglich? Welches Sozialprestige
hat die Souffleuse bei Sängern, Intendanten, beim Publikum? Wie wird sie als
Figur in Literatur und Oper geschildert? Was spricht gegen, was für den Beruf?
Der Leser ist überrascht, daß die Autorin all dies in aller Ausführlichkeit auf
nur gut sechzig Seiten unterbringt: eine umfassende, sorgsam abwägende
Berufsberatung zwischen Buchdeckeln.
(Ellen Kohlhaas)
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Das Orchester, 99/1
Bei der Premiere in der ersten
Reihe
Musiktheater hautnah: das ist Alltag der Souffleuse, um deren Berufsbild sich
die vorliegende Publikation erfolgreich bemüht. Die Autorin greift dabei auf
Erfahrungen zurück, die sie sich zum einen durch eine mehrjährige
Aushilfstätigkeit an einem kleinen Stadttheater, zum anderen durch eine
aufschlußreiche Korrespondenz mit etablierten Vertretern dieses Berufs an den
großen Opernbühnen Europas, Rußlands und der USA erworben hat.
Nach einer kurzen etymologischen Einführung folgt ein geschichtlicher Abriß, in
dem man z.B. erfährt, daß uns die ersten Zeugnisse dieser „Monitores“, also „Erinnerer“,
schon aus dem vorchristlichen römischen und griechischen Theater überliefert
sind. Der Souffleur begleitet die Darsteller durch die Theatergeschichte der
Jahrhunderte, erfüllte seine Bestimmung zum Teil in Personalunion mit der des
Erzählers und Spielleiters oder wurde mit den verschiedensten Arbeiten betraut,
die vom Kopieren und Archivieren der aufgeführten Stücke bis zu den Aufgaben des
heutigen Inspizienten bzw. Regieassistenten reichten.
Der Hauptteil der Broschüre widmet sich den handwerklichen Voraussetzungen und
dem Arbeitsalltag dieses Berufs, der heute – und auf Grund der besseren
stimmlich-akustischen Eignung – vorwiegend von Frauen ausgeübt wird. Über
beachtliche Möglichkeiten muß eine gute Vertreterin dieser Sparte verfügen:
Neben den selbstverständlichen musikalischen Grundlagen, die einen souveränen
Umgang mit der Partitur ermöglichen, wird die zumindest phonetische Beherrschung
etlicher Fremdsprachen sowie ein überdurchschnittliches Maß an psychologischem
Einfühlungsvermögen erwartet.
Wir erfahren Informatives über verschiedene Souffliertechniken und erhalten,
aufgelockert durch kleine Anekdoten, ein farbiges Bild des Theateralltags von
der Probenphase bis zu den Vorstellungen, in denen z. B. ein Gastsänger mit
einer fremden Textfassung durch den Abend gelotst werden muß oder gar auf Grund
kurzfristiger Umbesetzung drei Sprachen gleichzeitig auf der Bühne vertreten
sind...
Mit zunehmender Bedeutung von Regie und Bühnenbild wird heute der
Soufflierkasten nur zu gerne der Bühnenästhetik geopfert und die Souffleuse von
ihrem angestammten Platz – dem Kasten in der Bühnenmitte – in eine Seitengasse
verdammt, wo sie den Akteuren nur noch unzureichen helfen kann.
Obwohl die Arbeit der Souffleuse zwar für die Sänger, nicht jedoch für den
Intendanten unverzichtbar erscheint, kann sie zur Zeit mit einem einigermaßen
sicheren Arbeitsplatz rechnen. Über die Verdienstmöglichkeiten hätten wir
allerdings gerne mehr erfahren – die Mindestgage im Normalvertrag Solo kann
schließlich niemand ernsthaft verlocken, sich für diesen Beruf zu entscheiden.
Trotzdem bietet die gut recherchierte Broschüre, die als Staatsexamensarbeit
entstanden ist, nicht nur interessierten Anwärtern auf einen Theaterberuf ein
realistisches Bild, auch der opernbegeisterte Laie, der im wahrsten Sinne des
Wortes hinter die Kulissen schauen möchte, erhält hinreichend Gelegenheit dazu.
(Marina Sandel)
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