Nils Ferlin - der Poet auf der Parkbank

In Schweden, ungefähr eine Zugstunde mit der Inlandsbahn von dem großen Vänersee entfernt, liegt eine kleine Stadt. Sie trägt den Namen Filipstad, obwohl die meisten Leute, die da wohnen, Andersson oder Karlson oder Johanson heißen. Die Landschaft in diesem Teil von Schweden wird Värmland genannt, und verglichen mit den nördlicheren Gegenden wie Lappland oder Norrbotten ist es dort auch warm – zumindest im Sommer.

In Filipstad steht eine riesige Knäckebrotfabrik. Am Rande eines Sees ragt sie mit ihren vielen Gebäuden und Türmen und Rohren aus dem Boden. Ganz oben steht mit dicken roten Buchstaben „Wasabröd“ geschrieben, und eine Schwedenflagge flattert im Wind. Auch nachts, wenn es in den Häusern der Stadt dunkel wird, kann man an den vielen hellerleuchteten Fenstern sehen, daß noch Knäckebrot gebacken wird. Die Filipstädter sind sehr stolz auf ihre Fabrik, denn sie ist die größte Knäckebrotfabrik der Welt.

Die viele Hefe, die jeden Tag vergoren wird, verbreitet eine seltsamen Geruch in der ganzen Stadt. Die Erwachsenen sagen, es riecht nach Schnaps. Anstatt sich ein Gläschen zu genehmigen, gehen sie auf die Straße und schnuppern. Wenn man den Duft einatmet, wird man fröhlich, deshalb lachen die Bewohner von Filipstad so oft. Bei starkem Wind spüren auch die Menschen in den Wäldern um die Stadt herum die geheimnisvolle Duftwolke der Knäckebrotfabrik und werden lustig.

Am Anfang unseres Jahrhunderts lebte in Filipstad ein kleiner Junge, der Nils hieß. In seiner Kindheit gab es jedoch die Knäckebrotfabrik noch gar nicht. Vielleicht ging Nils deshalb, sobald er die Schule abgeschlossen hatte, fort. Er wußte nicht so genau, was er einmal werden wollte, deshalb probierte er verschiedenen Berufe aus.

Zuerst ging er zur See. Aber auf den langen Fahrten über die Ostsee und in ferne Länder wurde ihm bald langweilig. Er fand einen Bleistift und saß oft stundenlang im Bauch des Schiffes und schrieb die Seemannslieder auf, die die Matrosen abends sangen. Er erfand viele neue Strophen dazu, damit sie nicht so eintönig und gleichförmig wie das große Meer waren.

Der Kapitän konnte keinen Matrosen brauchen, der sich lieber hinter Fässern versteckte, um zu schreiben, anstatt auf dem Schiff an Segel und Tau mitanzupacken. Als sie das nächste Mal an der schwedischen Küste anlegten, blieb Nils an Land. Er bewarb sich bei einer Zeitung, und dank seiner schriftstellerischen Begabung wurde er Journalist.

Nils saß jetzt Tag für Tag in einem engen Zimmer, an dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift „Redaktion“ hing und verfaßte Artikel über Neuigkeiten in der Umgebung. Er schrieb über die Auktion im Nachbarsdorf, die in einer Schlägerei geendet hatte, über die Hochzeit von der Pfarrerstochter mit einem Kaufmann, der doppelt so alt war wie sie, und über das Wetter. Aber viel mehr geschah nicht in der Gegend, selbst das Wetter änderte sich kaum. Nils wurde es langweilig. Immer häufiger passierte es, daß er seinen Kopf auf die Schreibtischplatte sinken ließ und einschlief.

Aber für das Schlafen wurde er nicht bezahlt. Bevor man Nils kündigte, ging er freiwillig von der Zeitung fort und kaufte sich von seinem verdienten Geld eine Ziehharmonika. Er wollte die Freiheit spüren, so zog er von Hof zu Hof und sang. Manchmal verkleidete er sich auch und spielte zu seinen Liedern Theater. Die Leute umringte ihn überall, wo er hinkam. Sie gaben ihm zu essen oder luden ihn ein, über Nacht bei ihnen zu wohnen. Dann saßen abends der Bauer und seine Familie, Knechte und Mägde versammelt in der Stube und ließen sich von Nils unterhalten.

Auf seiner Wanderung kam Nils auch in die Stockholmer Gegend. Dort hörte der Direktor einer Wanderbühne von ihm. Er bestellte ihn zu sich und war von Nils Begabung so begeistert, daß er ihn als Schauspieler engagierte. Die Gruppe trat im ganzen Land auf. Nils lernte das karge, entbehrungsvolle Leben der Armen kennen. Unterwegs ging er seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Er schrieb Gedichte.

Als Nils etwas älter als dreißig Jahre war, hatte er so viele Gedichte beisammen, daß er sie in einer Sammlung veröffentlichen konnte. Den Leuten gefielen sie sehr, denn sie beschrieben das alltägliche Leben in Schweden. Seine Sprache war derb, lustig und zugleich ein bißchen wehmütig, was die Menschen hier als „skandinavische Melancholie“ bezeichnen. Komponisten begannen seine Verse zu vertonen, und bald ging die Botschaft durch das Land: Schweden hat einen neuen Dichter bekommen. Sein Name ist Nils Ferlin.

Nils mietete sich ein Zimmer in Stockholm, das im Künstlerviertel um die Klarakirche lag. Er führte ein recht unstetes Leben; hatten ihm neue Gedichte Geld eingebracht, ließ er es sich gutgehen und gab es gleich auf einmal aus, ein paar Tage später schon konnte er sich keinen Morgenkaffee mehr leisten. Aber in dieser Zeit entstanden viele literarische Werke, und bald konnte Nils zwei weitere Gedichtsammlungen herausgeben.

Oft kehrte Nils nach Filipstad zurück. Eigentlich wollte er nur für die Lokalzeitung schreiben oder ein Extrablatt dazusetzen, aber inzwischen war die Knäckebrotfabrik gebaut worden. Der Geruch des gärenden Hefeteiges tat seine Wirkung: Nils stellte sich mitten auf den Marktplatz und trug seine Gedichte vor! Die Leute kamen in Scharen und hörten ihm fasziniert zu.

Bald hatte Nils auf einer Bank am Teich seinen Stammplatz. Dort saß er mit Zylinder und Jacket und rauchte, während er sich aus der Filipstädter Luft Anregungen für neue Gedichte holte. Fast immer hatte er Gesellschaft. Wenn ein Geburtstag oder ein sonstiger feierlicher Anlaß bevorstand, reimte er auf Bestellung Glückwunschverse, oder er erzählte seinem Publikum in Form von kleinen Bühnenstücken von seinen Reisen durch Schweden.

Seinen Wohnsitz behielt Nils jedoch in Stockholm, jedoch machte er auch Besuche in anderen großen Städten wie zum Beispiel Göteborg an der Westküste. Nach vielen Jahren zog er in das etwas nördlicher gelegene Uppsala um. Während er in jüngeren Jahren meist das Leben der Armen und Einsamen, das er auf seinen Reisen kennengelernt hatte, als Stoff für seine Gedichte wählte, verwendete er als alter Mann gerne biblische Themen. Oft tauchte darin der Tod auf.

Auf einmal blieben Nils Besuche in Filipstad aus. Die Leute liefen jeden Tag und auch nachts zum Marktplatz und warteten auf ihn, aber die Bank blieb leer. Da hörten sie, daß Nils Ferlin gestorben war. Die Filipstädter wurden sehr traurig, und immer wieder konnte man einen von ihnen auf Nils Bank sitzen sehen, als hoffe er, Nils käme wieder.

Nicht einmal die geheimnisvolle Filipstädter Luft konnte helfen; die Leute atmeten sie ein und lachten trotzdem nicht. Nach etlichen Jahren kam einem alten, sehr reichen Filipstädter, der Nils gut gekannt hatte, eine Idee. Er rief einen Bildhauer zu sich und gab ihm einen Auftrag...

Und wieder ein paar Jahre später saß Nils Ferlin plötzlich wieder wie eh und je auf seiner Bank. Das eine Bein über das andere geschlagen, hatte er es sich bequem gemacht und rauchte. Nur war alles an ihm aus Bronze, sogar sein glänzender Zylinder. Da wurden die Filipstädter sehr froh, und auch aus den Wäldern kamen die Menschen in die Stadt, um ihren zurückgekehrten Dichter zu begrüßen.

Wie früher ist Nils jetzt selten alleine. Am Vormittag besuchen ihn die Kinder des Gymnasiums in der großen Pause, und nachmittags sitzen oft alte Leute neben ihm auf der Bank und lesen Zeitung. Und wenn Touristen nach Filipstad kommen, dann lassen sie sich gerne neben Nils photographieren, denn alle sind stolz, Seite an Seite mit dem berühmten schwedischen Dichter zu sitzen.

nach oben     zurück zu Nils Ferlin