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Stern spezial Biographie,
Nr. 1/2003
Porträt einer Unsichtbaren

Hundehütte nennen Kenner den Kasten, der ihr die Welt bedeutet.
Cornelia Boese, Souffleuse aus Passion, lebt in der Unterwelt des
Theaters und achtet auf falsche Töne von der Opernbühne.
Gelegentlich steigt sie aber auch mit höchst eigenen Werken nach
oben, um sichtbar zu werden...
Von der unsichtbaren Herrscherin einer magischen Welt sind im ersten
und im dritten Akt nur die Beine zu sehen, lang baumelnd, schwarz
behost, knapp über der sanft lockenden Oboe im Orchester. Selbst
diesen Ausschnitt gibt es nicht für alle im Publikum, erst ab Reihe
20 reicht der Blickwinkel. Schade eigentlich. Denn die Souffleuse
des Mainfranken Theaters Würzburg wäre im Ganzen gesehen höchst
ansehnlich. Unsichtbar zu bleiben für die Welt hinter ihrem Rücken,
diesseits der Bühne, ist jedoch eine der Bedingungen für ihren
Beruf. Die gewölbte hintere Wand eines winzigen Kastens an der
Bühnenrampe, Mitte vorn, verbirgt das Phantom der Oper. In der
Holzhöhle, in Fachkreisen Hundehütte oder Maulwurfshügel genannt,
sitzt Cornelia Boese. Im zweiten Akt des "Fliegenden Holländers",
von Wolfgang Wagners Tochter Katharina aufregend mutig inszeniert,
sieht man selbst vom Rang aus ihre Beine nicht mehr, die Souffleuse
hat sie an sich gezogen.
Weil sie als Person unsichtbar ist, hat sie sich sichtbar gemacht in
tausend Zeilen aus der Unterwelt, in Gedichten, die sie zwischen
Wagner oder Mozart oder Co. und nachts beim Blick von ihrem
Studierzimmer auf die 33 Kirchturmspitzen der Stadt und sommers in
ihrem roten Kanu auf dem Main paddelnd erdacht hat. So wuchs die
andere Cornelia. Dem gedruckten Band (Verlag Peter Hellmund,
Würzburg) mit selbst Gereimtem, einst handschriftlich notiert in 15
verschiedenen Tintensorten, hat sie den Titel gegeben: "Ich bin der
unsichtbare Herrscher einer magischen Welt", entliehen als
Sprachbild aus der Oper "Capriccio" von Richard Strauss, aber wie
passend für sie erfunden. Cornelia Boese begreift nämlich Magisches
als selbstverständlich. Wenn sie spazieren geht zur Burg, dann nennt
sie das "auf meinem Hexenbesen reiten", und so beiläufig ernst, wie
sie es lächelnd sagt, sieht man sie langmähnig reitend vor sich. Sie
muss mehr sehen als Normalsterbliche, ihr Beruf erfordert
Durchsicht, Hellsicht, Voraussicht. Sie soll hauchen und einblasen,
denen oben in Gedanken immer einen Takt voraus sein und ihnen von
unten in gebotener Stille, lautmalend, gestikulierend anzeigen,
falls sie sich im Ton vergreifen. Cornelia Boese braucht dafür
Taktgefühl, Präzision, Präsenz. Verständlich also, dass sie sich zur
Entspannung in eine andere Welt spinnt.
Die Welt, in der sie nun schon in der dreizehnten Spielzeit lebt,
ist jener kleine Kasten mit der runterklappbaren Auflage für die
Partitur des Abends, auf der sie sich Tenöre rot und Sopranistinnen
blau markiert hat. Ihr Holzsitz ist gepolstert, aber dennoch hart.
Der Lichtstrahl einer winzigen Lampe sticht in ihre Finsternis
direkt auf die Noten. Links flimmert ein Monitor, auf dem sie den
Dirigenten sehen kann. Sie sieht auch alles auf der Bühne, aber nur
wer sie direkt ansieht, braucht ihre persönliche Zuwendung. Die
Kunst unter den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, wird
natürlich schlechter bezahlt, kaum mehr als 1500 Euro brutto hat sie
im Monat - als die auf der Bel Etage der Bühne im Scheinwerferlicht,
in das Souffleusen hier und anderswo nie gebeten werden beim
Schlussapplaus.
Doch dafür bietet ihr Arbeitsplatz mehr als Ruhm - Sicherheit.
Solange noch gesungen wird und solange nicht hochrangige
Kulturbeutelschneider das Theater abwickeln wollen, ist ihr Beruf
krisensicher. In Würzburg wurden die Banausen von den Bürgern
abgestraft. Weil sie das Mainfranken Theater platt machen wollten,
verloren sie bei den letzten Wahlen ihre Macht. Die Souffleuse, die
sich für Politik nicht interessiert, eine Moderatorin politischer
Ereignisse wie Anne Will von den "Tagesthemen" aber bewundert - "die
ist aus der Kiste kommend sichtbar, ich in meiner unsichtbar" -, hat
zum ersten Mal in ihrem Leben im Namen Mozarts, und stellvertretend
für alle anderen von Vertreibung bedrohten Komponisten, deshalb CSU
gewählt.
Weil ihre Oberwelt am Main liegt, weil sie glücklich ist dort, will
sie zeitlebens im Fränkischen bleiben. Altersgrenzen für Souffleusen
gibt es nicht. Dürfen halt nicht taub werden. Von hier träumt sie
sich irgendwohin, und die Träume reimen sich, und dass sie Eugen
Roth als Vorbild nennt, ist ganz einfach hörbar: "Einst war es
schlecht um mich bestellt, / denn ich verdiente noch kein Geld / in
meiner ersten Spielzeitpause, / doch deshalb blieb ich nicht zu
Hause / und dacht': Mit Geige im Gepäck / kommt eine Spielfrau stets
vom Fleck. / Ich schnallt' sie auf den Rucksack drauf / und machte
mich zum Nordpol auf."
Als fahrende Musikantin hat sie sich tatsächlich Geld für Kost und
Logis verdient mit der Geige als Cello zwischen den Knien, denn
Geige spielen kann sie nicht, und ein richtiges Cello zu
transportieren wäre unmöglich gewesen. Derart hat sie gefiedelt in
den Speisewagen der Züge nach Norden und dafür Gage in klingenden
Münzen bekommen, hat musiziert vor Kaufhäusern in Schweden oder auf
norwegischen Postschiffen, Bach, Bellman, Grieg, und "ging das
Kleingeld mir zur Neige, / verdient ich neues mit der Geige". Sie
kam bis zum Nordkap. Cornelia Boese spricht Schwedisch so gut wie
Norwegisch, das reicht sogar für Übersetzungen ganzer Bücher wie der
"Magischen Bibliothek" von Jostein Gaarder, die sie zwischen
einzelnen gut laufenden Aufführungen der "Zauberflöte" in Würzburg
bewerkstelligte, allerdings hat der Hanser Verlag eine andere ihrer
Übersetzung vorgezogen.
Niederlagen nimmt sie aber grundsätzlich nicht hin, diese auch
nicht. "Meine Fassung gefällt mir besser", sagt sie.
Selbstbewusstsein hat sie sich früh erarbeitet mit jeder guten Note.
Natürlich spricht sie Englisch und Französisch, und Italienisch zu
können ist sowieso Pflicht für eine Operneinflüsterin. In die Kiste
geriet sie einst durch Zufall. Vor der siebzehnten Aufführung der
"Csárdásfürstin" am Theater war die Souffleuse krank geworden.
Kannst du einspringen, Cornelia? Als Expertin für fast alles, was
sich singen und dirigieren lässt, denn sogar zu dirigieren hat sie
gelernt, war sie bekannt. Sie überstand 1990 diesen Sprung ins
Souterrain unverletzt und nutzte die Erfahrung, die fortan ihr
Studium begleitete: Ihre Zulassungsarbeit zum Staatsexamen 1994
nannte sie "Die gute Fee im Kasten", (Shaker Verlag Aachen), eine
Untersuchung über die Geschichte der Souffleuse im Musiktheater.
Es gibt mehr Souffleusen als Souffleure an den Opernhäusern der
Welt, viele hat Cornelia Boese als umherreisende, lernende
Musikantin besucht: Learning by travelling around. Hat sich notiert,
was die ihr erzählten oder ihr die anderen, die sie angeschrieben
hatte, aus ihrem Alltag berichteten. Wichtigster Merksatz, aus dem
auch sie ihren Berufsstolz schöpft: Wir Souffleusen spielen nicht
Feuerwehr, wir lassen den Brand erst gar nicht entstehen. Die
Dominanz der Frauen hat nichts zu tun mit ihrer alltäglichen Stärke,
sondern mit der Tonart des Mannes an sich. Die ist zu laut, um
unüberhörbar zu sein. Frauen mit ihrer höheren Stimmlage sind
einfach besser.
Hat das Mädchen Cornelia denn sonst nichts vor im Leben? Sich
unsterblich verlieben, tanzen gehen, Nächte verträumen? Nein, tanzen
habe sie nie gelernt, Rockmusik nie freiwillig gehört. Geregeltes
Dasein ist nicht einfach, ihre Pflichten im Theater enden abends
manchmal so spät, dass es nicht mal für eine Nachtvorstellung im
Kino reicht. Cornelia Boese ist fest angebunden ans Theater, jede
Reise, die mehr als 30 Kilometer hinter die Stadtgrenzen hinausgeht,
muss sie sich genehmigen lassen. Anwesenheitspflicht in der
Unterwelt gilt auch bei Freizeit, nur die sechs Wochen Sommerpause,
wenn nichts gesungen wird und nichts gespielt, in denen kann sie
spielen und musizieren und vorlesen, wo immer sie will.
Da ist sie frei. Sie ist überhaupt so frei. Weil sie von einer
Märchenfee träumt statt von einem Märchenprinzen, wird ihr nie eine
Entscheidung zwischen Familie und Beruf bevorstehen. Den
katholischen strengen Gott ihrer Kindheit hat sie sich schon vor dem
Abitur auf der Klosterschule erträglich gemacht, bleibt ihm auf ihre
Art treu, solange er nicht ihre Art zu leben einengt. Für ihre
Neigung, mit der in bigotter Provinz nicht so leicht offen umzugehen
wäre, beispielsweise als fest angestellte staatliche Musiklehrerin,
ist die Theaterwelt ideal. Da dürfen alle anders sein als andere,
und anders zu sein ist da alles andere als einer Nachrede wert.
Cornelia Boese, schwärmerisch jung wie eine ungebrochene
Siebzehnjährige, Romantik heiter selbst da suchend, wo andere
Zweiundreißigjährige eher mal den Blues des Lebens singen, lässt
nichts Böses in ihre Welt. Dagegen schottet sie sich ab. Baut in den
Stiegen und Winkeln ihres schmalen Drei-Zimmer-Hauses, 400 Euro
Monatsmiete, Blick auf den Main, Stofftiere (darunter 27 Elche) als
Schutz gegen kalte Winde jeder Art, ein Schloss ihrer ganz eigenen
Träume. Hat Wände mit farbigen Drucken verziert, und auf einem Foto
über dem Klavier lässt sich sehen, wie sie mal aussehen wird, wenn
sie alt ist; da hat sie Modell für eine Maskenbildnerin gesessen. Im
Regal liegt die 600-Seiten-Partitur der Salieri-Oper "Kublai, Großer
Khan der Tartaren", die sie fürs Mozartfest Würzburg 1998 in Verse
gebracht hat, sich dabei auf dem Klavier begleitend, damit auch
singbar ist, was sie für andere reimte.
Ihre Eltern sind Lehrer, ihr Bruder ist Physiker, nur sie schlägt
aus der Art. Nun auch sichtbar: Auftritte mit Klaviervariationen
nach Georg Kreisler, gesungen von Patrick Simper, Lesungen mit ihren
Gedichten. Manchmal ist es hilfreich, dass sie ihre Verse selbst im
nicht mehr ganz nüchternen Zustand auswendig hersagen kann, denn
eine lyrische Weinprobe mit 16 verschiedenen Rebensorten und nach
jeder zweiten Runde ein paar Reime der Souffleuse kam zwar gut an,
doch dämmerte ihr kopfschmerzhaft am Tag danach, es wäre vielleicht
doch besser gewesen, nicht bei jedem Prost auszutrinken, lieber nur
einen Schluck zu nehmen.
Die Unsichtbare aber konnte es dennoch genießen. Sie wird endlich
auch oben gefeiert und kann da erleben, was sie sonst nicht erlebt:
den sichtbaren Ruhm.
(Michael Jürgs)
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