Reime rattern im
Gehirn, Main-Post, 8.6.1998
Cornelia Boeses Kublai-Übersetzung
in der überregionalen Presse 1998
Main-Post, 8.6.1998
Reime rattern im Gehirn
„Das ist wohl eine Sternschnuppe, die mir da in den Schoß gefallen
ist.“ Die junge Frau strahlt. Was kann es schöneres geben für
jemanden, der gerne schreibt, Fremdsprachen liebt und Musik studiert
hat, als eine Oper zu übersetzen? „Cublai, Gran Khan dei Tartari“
von Antonio Salieri wird, wie berichtet, am 18. Juni beim Würzburger
Mozartfest uraufgeführt. Die deutschen Verse stammen von Cornelia
Boese. Die ist eigentlich Souffleuse am Stadttheater. Aber sie
schreibt gerne, liebt Fremdsprachen und hat Musik studiert...
Die 28-jährige wirft gleich alle Vorstellungen über den Haufen. „Ich
bin nicht der große Italienisch-Freak“ verblüfft sie. Klar, sie habe
während ihres Studiums an der Würzburger Musikhochschule Italienisch
gelernt. Aber: „Im Prinzip könnte man auch eine Oper aus dem
Chinesischen übersetzen.“ Chinesisch kann Cornelia Boese nicht.
„Man muß mit der Sprache umgehen können. Es geht weniger ums
Übersetzen – ich hatte eine wörtliche Übersetzung vorliegen -, „als
vielmehr ums Nachdichten“ erklärt sie. Der Sinn müsse stimmen –
natürlich – und der Text müsse auf die Musik passen. Ihr
Musikstudium, an sich Klavier und Cello für künstlerische Lehrfach
(„ich hab mich aber mit 19 Fächern beschäftigt“), und jahrelange
Erfahrung als Musiktheatersouffleuse halfen weiter. „Ich habe da
natürlich ein Gespür entwickelt, was man singen kann und was nicht.“
Es galt Zungenbrecher zu vermeiden, Koloraturen, also komplizierte
Verzierungen, auf den passenden Vokal zu setzen. „Es gibt im Kublai
eine Sopran-Arie, die ist gerade mal sechs Zeilen lang, steckt aber
voller Koloraturen. Die habe ich alle auf den Vokal a geschrieben.“
„i“ oder „ü“ seien ungeeignet, berschreibt Cornelia Boese diese „Kreuworträtsel-Tüftelei“.
Die ist ihr ganz schön nachgegangen. „Ich hatte nur vier Monate
Zeit“ erzählt sie – für die immerhin 162 großformatigen Seiten der
Salieri-Handschrift. Und: „Ich mußte derweil auch meine normale
Arbeit am Stadttheater erledigen.“
Also wurde nachts gedichtet. Und beim Essen. Sogar unfreiwillig,
wenn sie bei „Ronja Räubertochter“ auf der Bühne stand. Auch dann
noch, wenn die junge Frau eigentlich schlafen wollte. Das Gehirn
ratterte einfach weiter. Der italienische Kublai-Text bezieht seinen
Witz aus Reimen. Das mußte auch in der deutschen Version
rüberkommen.
Irgendwann hat Cornelia Boese dann die Koffer gepackt und ist für
eine Woche nach Schweden verschwunden. Dort, ein einem
eingeschneiten Bootshäuschen, fand sie Ruhe. Zum Arbeiten und (Nach)-Dichten
natürlich.
Ob sie so etwas noch einmal machen möchte? „Ja“ kommt die Antwort
wie aus der Pistole geschossen und mit leuchtenden Augen. Es habe
„total“ Spaß gemacht. Und außerdem schreibe sie sowieso immer
wieder.
Eine Kammeroper etwa liege in der Schublade. Eine Erzählung über
eine Nordkapp-Reise, bei der sie in Eisenbahnwaggons Bratsche
spielte, macht die Runde bei Freunden und Bekannten. Jostein Garders
Buch „Die magische Bibliothek“ hat sie aus dem Norwegischen
übersetzt. Jetzt hofft sie, daß der Hanser-Verlag ihre Arbeit
annimmt. Und da ist natürlich das Buch über ihren Beruf. „Die gute
Fee im Kasten“ ist im Shaker-Verlag erschienen. Eine schwedische
Oper würde sie gerne mal übersetzen. Denn dieses Land hat es ihr
besonders angetan. Nicht nur das große Schweden-Poster in der
kleinen Dachwohnung mit Blick über den Main („wie in einem
Hausboot“) legt davon Zeugnis ab.
Keine Frage, daß sie auch bei der Uraufführung der Salieri-Oper im
„Kasten“ sitzt und seit Wochen in der Doppelfunktion als
Übersetzerin und Souffleuse bei den Proben dabei ist. Die Anspannung
wird sich wohl erst dann lösen, wenn „Kublai“ erfolgreich über die
Bühne gegangen ist. Aber wenn der Streß sie zu sehr plagt (und
Schweden für den Moment zu weit weg ist), steigt Cornelia Boese in
ihr rotes Kanu und paddelt den Main entlang.
(Ralph Heringlehner)
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Cornelia Boeses
Kublai-Übersetzung in der überregionalen Presse:
„Die Entscheidung, Castis derben Text mit seinem Wortwitz und seinen
lebhaften Dialogen ins Deutsche zu übersetzen, war richtig. Die von
Cornelia Boese verfaßte Übersetzung ist gelungen, die Pointen
hinübergerettet. Die Uraufführung lebte von ihren schlagfertigen
Dialogen und von Salieris abwechslungsreicher Musik.“
( WDR Musikszene, 19.6.98)
„Verwendet wurde eine exzellente deutsche Übersetzung von Cornelia
Boese. Die Würzburger Souffleuse und Autorin eines Buches über ihren
Job hat mit kongenial verblüffenden Reimen dafür gesorgt, daß Castis
köstliche Pointen verständlich werden. „So hab ich lang nicht mehr
gelacht“, heißt es da einmal...“
(Neue Zeitschrift für Musik, Sept./Okt. 98)
„Zudem mußte der in archaischen Italienisch gehaltenen Text von
Giambattista Casti ins Deutsche übertragen werden. Eine pikante
Aufgabe, die sich bei Cornelia Boese in den besten Händen befand.
Mit viel Sachverstand erstellte die Souffleuse des Stadttheaters ein
zum Teil modernisiertes Libretto. In heiterem Plauderton und stets
passend gereimt, entwickelt sich ein verzwicktes Ränkespiel, das der
seltenen Gattung des genre eroicomico zuzuordnen ist.“
(Opernglas, 9/98)
„Salieris Librettist Casti jedenfalls fügt den Banalitäten à la
Stephanies „Entführung“ noch eine Prise absurder Komik hinzu.
Cornelia Boese, im Hauptberuf Souffleuse, hat in ihrer respektlosen
Übersetzung eben diese Wirkung verstärkt. Sie steigert die Komik,
indem sie den Text ins Umgangssprachliche aktualisiert und macht aus
der Opera buffa eine Art musikalischer Boulevardkomödie. Angesichts
der hohen Textverständlichkeit bei den Sängern feixt das Publikum
nicht selten wie im Wiener Vorstadttheater zu Schikaneders Zeiten.“
(Opernwelt, 8/98)
„Schlüssig war die deutsche Textfassung von Cornelia Boese: wenn
schon nicht in der Originalsprache, dann in dieser ausgewogenen
Balance von Sprachmelodie und Wortwitz.“
(Straubinger Tagblatt, Sept. 98)
„Die junge Dame, die die Sänger beim Schlußapplaus aus dem
Souffleusenkasten ziehen, heißt übrigens Cornelia Boese und hat die
witzige Übersetzung des italienischen Originals geschrieben. Da gibt
es an sich nur eines: Nix wie hin!“
(Mainpost, Juni 98)
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